Kapitän Hans Peter Jürgens
Der letzte Kap Hoornier geht von Bord
Er umrundete das "Tor zur Hölle", schuftete als Straßenbauer in Chile, überlebte als Kriegsgefangener im afrikanischen Dschungel. Nun ist der Kieler Kapitän Hans Peter Jürgens im Alter von 94 Jahren verstorben.

Von Stefan Krücken

17.10.2018, 16.10 Uhr


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Foto: Markus Colic/ Ankerherz

Stefan Kruecken (Jahrgang 1975) gründete mit seiner Frau Julia den Ankerherz-Verlag. Zuvor arbeitete er unter anderem als Polizeireporter für die "Chicago Tribune" und schrieb für Magazine wie "Stern", "Max" und "GQ".


Als das Kap der Stürme in Sicht kam, zog sich der alte Kapitän in eine Ecke der Brückennock zurück. Er wollte allein sein. 70 Jahre zuvor war Hans Peter Jürgens als Schiffsjunge auf der Viermastbark "Priwall" an Kap Hoorn vorbeigesegelt, dem "Tor zur Hölle", wie Seeleute das berüchtigte Seegebiet nennen.

Nun, im Jahr 2009, geriet die Reise weitaus komfortabler - die Reederei des "Traumschiffs" hatte uns nach der Buchveröffentlichung von "Sturmkap" eingeladen.

Der Morgen war schwer und grau wie Beton, das Wetter einigermaßen ruhig, was in diesem Seegebiet Wind der Stärke sieben meint. Dann riss die Wolkendecke auf, und - ganz so, als habe der Allmächtige einen Sinn für Theatralik - schien ein Sonnenstrahl genau auf den grauen Felsen des Kaps. Wie ein Scheinwerfer.

Ein Leben wie ein Abenteuerroman
Kapitän, Lotse, Marinemaler: Der 1924 geborene Cuxhavener Hans Peter Jürgens fuhr mehr als ein halbes Jahrhundert zur See. 1953 machte er sein Kapitänspatent und arbeitete hauptsächlich für die Hansa-Linie aus Bremen. Im Keller seines Hauses hatte sich Jürgens ein Atelier eingerichtet, in dem seine Gemälde entstanden. Im Oktober 2018 starb Hans Peter Jürgens mit 94 Jahren in Kiel.
Foto: Ankerherz

Kapitän Jürgens standen Tränen in den Augen, so gerührt war er in diesem Augenblick. Er erklärte es hinterher, ganz der alte Seemann, mit dem Wind. Nun ist Hans Peter Jürgens, der letzte Kap Hoornier, im Alter von 94 Jahren für immer eingeschlafen. Jürgens war Seemann, Kapitän, später Lotse und der vielleicht bedeutendste Marinemaler Deutschlands. Wenn ich an ihn denke, dann denke ich an diesen Morgen vor Kap Hoorn. An ungezählte Nachmittage und Abende in seinem Haus im Kieler Stadtteil Holtenau, als wir kannenweise Kaffee tranken und er mir sein Leben erzählte.

Ein Leben? Was für ein Abenteuer! Es war ein Privileg, diesen Mann zu kennen und seine Geschichte aufschreiben zu dürfen. Aus heutiger Sicht ist kaum vorstellbar, was Hans Peter Jürgens als Schiffsjunge mitmachte, als er 1939 im Hamburger Hafen an Bord der Viermastbark "Priwall" ging. Aus Anfängern mussten binnen weniger Wochen Seemänner gemacht werden, die in den Stürmen vor Kap Hoorn hoch oben in den Rahen das Schiff auf Kurs hielten.

Die schweren Stürme, die Kälte in den Unterkünften, Schlafentzug, Schikanen des sadistischen Bootsmannes und die miserable Verpflegung setzten der Crew zu. Die Äquator-Taufe geriet zur Quälerei, die heute strafrechtliche Konsequenzen hätte. Für Jürgens war sie prägend, wie er sagte. Er achtete später als Kapitän darauf, dass es an Bord seiner Schiffe niemals zu Unrecht kam.

Sicherheitsleinen gab es in der Takelage nicht. Jeder Fehler würde tödlich sein, das war allen an Bord klar. Weil Wellen das Deck überspülten, spannte man Netze, die im Bordjargon "Leichennetze" hießen. Die Fingerbeugen der Jungen vor Anstrengung aufgeplatzt, das Ölzeug hatte den Nacken blutig gescheuert.

Kampf gegen Skorpione, Hunger, Hitze
Hoch oben im Mast: Den Schiffsjungen fiel häufig die gefährlichste Aufgabe zu. Ohne Sicherungsseile mussten sie in der Takelage herumklettern. Von dort oben sah die "Priwall" wie ein schmales, schwankendes Brett aus.
Foto: Ankerherz

Jürgens beschrieb in seiner Biografie sehr eindrücklich, wie die Strapazen die Schiffsjungen tief in den Abgrund schauen ließen: "Es wäre so einfach. Einfach die Hände von den Rahen nehmen, uns nach hinten fallen lassen. Soll ich die Qual beenden?"

Knapp vier Wochen kreuzte das Schiff gegen die Stürme von Kap Hoorn. Wenige Stunden, nachdem der Großsegler aus Hamburg in Valparaiso festmachte, eröffnete das Dritte Reich den Zweiten Weltkrieg. Damit war klar: Für das Segelschiff, das jedem Angriff eines Motorschiffs hilflos ausgeliefert wäre, war nun Endstation.

Für den Schiffsjungen Jürgens begann eine Irrfahrt durch eine Welt im Krieg. Er schuftete als Straßenbauer in Chile, wurde einem Frachter zugeteilt, den ein englisches Kriegsschiff im Atlantik versenkte. Als Kriegsgefangener überlebte Jürgens ein Lager im Dschungel von Sierra Leone: Skorpione, Schlangen, Hunger, Hitze.

Er wurde ins kalte schottische Hochland verlegt und fütterte schließlich Bären an Kanadas Großen Seen. Vor den Transatlantik-Passagen hatten alle an Bord Angst, wegen der Gefahr durch deutsche U-Boote.

Nach sieben Jahren kehrte Jürgen zurück in seine zerstörte Heimat. Seinen Traum, Kapitän zu werden, gab er nie auf. Dafür schuftete er auf Fischkuttern in der Nordsee, brannte Schnaps in London und ging nach einer Grenzflucht sogar in den Knast.

"Helmut Schmidt der Segelschifffahrt"
In den schottischen Highlands: Als Kriegsgefangener war Jürgens (Mitte, mit Fellmütze) auch in Schottland interniert - ebenso war es seinem Vater im Ersten Weltkrieg ergangen.
Foto: Ankerherz

Die Aussicht, als Bergmann im Ruhrgebiet zwangsverpflichtet zu werden, behagte dem Seemann gar nicht. Doch der Versuch scheiterte, sich in Antwerpen als blinder Passagier an Bord eines Frachters mit Kurs Südamerika zu schleichen.

Sein Leben, vor allem in jungen Jahren, erinnert an einen Abenteuerroman. Doch wenn Jürgens davon erzählte, wog er jedes Wort ab - bei der Arbeit im Manuskript war seine größte Sorge, dass es aufschneiderisch klingen könnte. Nie übertrieb er, kein Wort, egal wie dramatisch die Episode auch ausfiel. Angeber konnte Jürgens nicht ausstehen.

Wenn ich mich an Hans Peter Jürgens erinnere, denke ich an einen Filou. Selbst im hohen Alter hatte er etwas Jungenhaftes, Schelmisches. Auf manche Fragen, etwa nach Dingen, die ihm an der heutigen Zeit nicht passten, antwortete er nur mit einem Blick.

Dann zog er seine buschigen, weißen Brauen zusammen, dass man glaubte, sie knistern zu hören. Der NDR nannte ihn einmal den "Helmut Schmidt der Segelschifffahrt". Das trifft es ziemlich gut.

Durch die Gespräche mit Kapitän Jürgens lernte ich, die Generation meines Großvaters zu verstehen, von der es heißt, sie sei eine verlorene Generation. Zu Kriegsbeginn waren es Jugendliche; nach dem Krieg standen sie vor Trümmern. Kapitän Jürgens war 1924 geboren, mein Opa ein Jahr zuvor.

Mein Großvater war kein Kapitän, der vor Kap Hoorn kreuzte und Schiffe durch den Sturm brachte. Er trug einen Blaumann als Arbeiter in einer Chemiefabrik. Als er aus dem Krieg zurückkam, brach er ein Studium ab, um die Familie durchzubringen.

Ein Albatros am Revers

Ihre Trauer, ihre Wut, vielleicht auch ihre Verzweiflung: All das trugen diese Männer wie Kapseln in sich. Auch Kapitän Jürgens mochte nicht gern über Gefühlswelten sprechen. "Stefan, ist das jetzt wichtig?", fragte er. Meist machten wir dann eine Pause.

Ich habe mich beim Schreiben oft gefragt, wie er und mein Großvater sich in einer Welt zurechtfanden, in der es so oft um den eigenen Vorteil geht. Um den einfachsten Weg, den maximalen Unterhaltungswert, um "Work-Life-Balance" und Probleme, die nach ihrer Lebenserfahrung keine echten Probleme sein konnten. Ich habe nie ein Wort der Bitterkeit von Kapitän Jürgens oder meinem Großvater gehört.

Am Revers seines Sakkos trug Kapitän Jürgens ein Abzeichen, das einen Albatros zeigt. Das Symbol der Kap-Hoorniers-Vereinigung, deren letzter Vorsitzender er war. Mit Kapitän Jürgens starb nicht nur ein Seemann, ein Kapitän, Familienvater und Künstler. Mit seinem Tod endet ein Kapitel der Seefahrtsgeschichte. Der letzte Kap Hoornier ist von Bord gegangen.

Auf der Isla Hornos vor Kap Hoorn, auf 55 59' Süd und 67 14' West steht ein Denkmal, das einen Albatros zeigt. Auf dem Steinsockel liest man ein Gedicht der Chilenin Sara Vial:
"Ich bin der Albatros, der am Ende der Welt auf dich wartet. Ich bin die vergessene Seele der toten Seeleute, die Kap Hoorn ansteuerten von allen Meeren der Erde. Aber sie sind nicht gestorben im Toben der Wellen. Denn heute fliegen sie auf meinen Flügeln in die Ewigkeit."


Quelle: FAZ vom 17.10.2018

Kapitän Jürgens: Ein Leben wie ein Abenteuerroman

Unter vollen Segeln: Die stolze Viermastbark "Priwall" hatte Kap Hoorn so schnell umrundet wie kein anderes Segelschiff vor ihr. Mit ihren 56 Meter hohen Masten war das Schulschiff zu dieser Zeit ein Riese auf den Weltmeeren. Dieses Bild wurde von Bord des Luxusliners "Cap Arcona" auf dem Atlantik aufgenommen.
Foto: Ankerherz

Schwerstarbeit: Die Vorbereitungen auf einen Sturm bedeuteten, dass alle an Bord mit anpacken mussten. Für den schweren "Norder" im Mai 1940 in der Bucht von Valparaíso ließ der Kapitän beide Anker der "Priwall" mit ihrer gesamten Kette ausbringen und zusätzlich noch den Reserveanker an Deck bringen.
Foto: Ankerherz

Schiffsverkehr: Der legendäre Großsegler "Priwall" unter vollen Segeln beim Auslaufen aus dem Mündungsgebiet der Elbe in die Deutsche Bucht.
Foto: Ankerherz

Gemälde der "Priwall": Hans Peter Jürgens porträtierte sein Schiff, wie es in der Deutschen Bucht liegt. Im Vordergrund: das Lotsenboot "Elbe 1".
Foto: Ankerherz

Rauchpause auf dem Achterdeck der "Priwall": Auf der Reservespiere sitzen ganz links Schiffsjunge Walter Heiderich (wurde später Direktor eines Stahlkonzerns), dahinter Gerd Hayn (sollte später als Kapitän für eine Bananenreederei fahren), Harm Breckwoldt aus Blankenese und Hans Peter Jürgens. Neben ihm steckt sich der "Rote Gollo", wie sich Joachim Lange selbst nannte, eine Zigarette in den Mund. Vorn sieht man Klaus Schuldt und ganz rechts den Jungmann Gottfried Staeck.
Foto: Ankerherz

Die "Priwall": Ein nebliger Tag im Mai 1939. Im Hamburger Hafen liegt die Viermastbark "Priwall" in einem Hafenbecken am Flusslauf der Rethe. Im Hintergrund sieht man die Pfähle, an denen damals Schiffe im Hafen festmachten.
Foto: Ankerherz

Vor der großen Fahrt: Hans Peter Jürgens (l.) auf der "Priwall" vor Cuxhaven. Die erste Fahrt des jungen Matrosen führte ihn bis nach Corrai in Chile - einen Ort, von dem er zuvor noch nie etwas gehört hatte, geschweige denn wusste, wo er ihn auf der Weltkarte finden sollte.
Foto: Ankerherz

Wildes Wasser: Kapitän Jürgens erlebte während seiner Zeit auf See viele schwere Stürme. Wie etwa 1952 auf der "Helga Schröder" vor Borkum. Durch den Sturm der Stärke 10 hatte sich die Decksladung gelöst und ging über Bord. Eine sehr gefährliche Situation, denn dadurch verlor das Schiff an Stabilität. Aber von all diesen schlimmen Stürmen reichte wohl kaum einer an den heftigen Norder im Mai 1940 in der Bucht von Valparaíso heran.
Foto: Ankerherz

Im Hafen von London: 1951 entstand diese Aufnahme - sie zeigt Jürgens (r.) beim Bemalen der "Helga Schröder".
Foto: Ankerherz

Bei der Arbeit: Hans Peter Jürgens in seinem Atelier im Keller seines Hauses in Kiel.
Foto: Ankerherz

Biografie: 2008 veröffentlichte der Journalist und Autor Stefan Krücken die Biografie des Kapitäns Hans Peter Jürgens. Sie heißt "Sturmkap - Um Kap Hoorn und durch den Krieg - die unglaubliche Reise von Kapitän Jürgens" und erschien im Ankerherz Verlag.